Heimatblätter III
Absturz eines englischen Bombers am 28. August 1943 in Bubenreuth
In der Nacht des 27./28. August 1943 stand Ernst Veith, ein Oberrealschüler von knapp 14 Jahren, auf der Dorfstraße von Bubenreuth, während seine Mutter und die beiden jüngeren Brüder mit anderen Frauen und Kindern seit dem Aufheulen der Sirenen, die einem Fliegerangriff auf Nürnberg vorausgegangen waren, unten im Luftschutzkeller der Bäckerei Vestner saßen. Da sah er vom Südwesten her über den Wald zwei Flugzeuge herankommen - eine englische Lancaster, verfolgt von einem deutschen Nachtjäger. Nahe Bubenreuth wurde die Lancaster getroffen und brannte. Bei Atzelsberg machte sie eine Kertwendung und flog in Richtung Westen auf Dechsendorf zu. Der Brand schien gelöscht. Der deutsche Nachtjäger folgte noch immer dichtauf. Die Lancaster, zum zweiten Mal getroffen, kehrte um und stürzte hinter Bubenreuth auf dem Feld vor den Zwillingseichen ab.
Ernst, der Augenzeuge des Geschehens, brauchte nur über einige Wiesen und Felder zu rennen, dann hatte er die Absturzstelle erreicht - ein grauenvolles Bild für einen Vierzehnjährigen. Er hörte, dass die Bordmunition sich entzündete, und dann sah er ein Stück vom Flugzeug entfernt einen Angehörigen der Besatzung liegen, der im letzten Moment mit dem Fallschirm abgesprungen war. Dabei hatte ihm das Leitwerk einen Arm und ein Bein abgerissen. Er blutete kaum und war bei vollem Bewusstsein. Dank seiner Englischkenntnisse konnte Ernst sich mit ihm unterhalten. Nun kamen auch Leute aus dem Dorf gelaufen, Frauen und Kinder, aber nur wenige Männer, da die meisten im Krieg waren.
Die übrigen Besatzungsmitglieder der Lancaster waren tot. Also scharten sich alle um den Verwundeten. Manche spotteten über dessen schlechtes Schuhwerk und einige - das soll mitnichten verschwiegen werden - schrieen: "Erschlagt ihn gleich, den Hund!" Ein paar Landser, die gerade auf Heimaturlaub waren, nahmen den Verwundeten in Schutz. Als dieser bat, man möge ihm etwas zu trinken geben, wollte man mit seinem Stahlhelm aus dem Entlas-Bach Wasser schöpfen, dann besann man sich und holte es stattdessen aus dem am Dorfrand liegenden Haus der Familie Müller. Im Gasthaus Angermüller, wo sich die Poststelle befand, wurde aus Erlangen ärztliche Hilfe angefordert. Der Verwundete, der die ganze Zeit über bei Bewusstsein war, wurde nach Erlangen ins Lazarett gebracht und überstand seine schweren Verletzungen. Wie bekannt wurde, bekam er nach etwa einem halben Jahr Prothesen.
Es gab noch einen zweiten Überlebenden der Lancaster. Er war bereits nach dem Beschuss des Nachtjägers mit dem Fallschirm über Atzelsberg abgesprungen, war unverletzt und wurde zum dortigen Förster gebracht, weil dieser im Besitz eines Gewehrs war.
Am Tage danach kam der Oberleutnant des deutschen Nachtjägers nach Bubenreuth, um sich über das Geschehnis der Nacht zu informieren.
Natürlich lockte die Absturzstelle viele Schaulustige an - auch aus der Umgebung. Dabei wurde aus dem Flugzeugwrack mancherlei mitgenommen. Einen gab es, den hatten es besonders die Fallschirme angetan. Die größten Wrackteile wurden einige Tage später fortgeschafft, kleinere lagen noch lange über das Feld vor den Zwillingseichen verstreut. Die Ölspur, die sich über die asphaltierte Dorfstraße hinzog, zeugte davon, dass das Dorf selbst einer größeren Katastrophe nur knapp entgangen war.
- Heft 6/2000 -